Begründeter Verdacht

"Ich hege", sagte ich zu meinem Nachbarn Hanselmann, "den begründeten Verdacht, daß ihre Katze in meinem Garten Stachelbeeren frißt." Hanselmann war entrüstet. Erstens sei seine Katze wohlerzogen, sagte er, und zweitens würden Katzen keine Stachelbeeren fressen. Dann fragte er, worin denn die Begründung für meinen Verdacht läge.

"Also", sagte ich zu meinem Nachbarn Hanselmann, "weit und breit gibt es nur eine Katze. Wenn es also eine Katze ist, die meine Stachelbeeren frißt, dann ist es begründet, ihre Katze zu beschuldigen. Außerdem zähle ich täglich alle Stachelbeeren am Strauch und komme jeden Tag auf ein anderes Resultat. Das ist doch ebenfalls sehr verdächtig."

Ich kenne Hanselmann schon lange. Schon als Kinder haben wir uns stundenlang gestritten, weswegen wir uns heute siezen. Seit damals weiß ich, daß Hanselmann ein schlechter Verlierer ist; deshalb hat mich seine Antwort nicht verwundert: Die unterschiedlichen Resultate, sagte er, lägen wohl daran, daß ich nicht richtig zählen könne, und außerdem sei es nicht normal, Stachelbeeren zu zählen, man zupfe sie ab und wiege sie.

Er solle besser seine Katze vor und nach ihren Ausflügen in meinen Garten wiegen, erwiderte ich und fuhr mit meiner Begründung fort:

"Also, wenn ich die Pflaumen auf meinem Pflaumenbaum zähle, dann komme ich jeden Tag auf das gleiche Resultat, es sei denn, ich pflücke welche, und selbst dann ergibt die Zahl von heute zuzüglich der gepflückten Pflaumen das Resultat von gestern. Der Stamm des Pflaumenbaumes aber ist mit einem Drahtgitter umgeben, damit keine Katze hinauf kann. Die Stachelbeeren aber wachsen am Strauch und haben keinen Stamm für ein solches Gitter."

Doch Hanselmann blieb uneinsichtig. Er, sagte er, zähle jeden Tag die Beine seiner Katze und immer seien es vier. Das sei doch Gegenbeweis genug.

Über den Grenzzaum zwischen unseren beiden Gärten hinweg sahen wir uns bissig an, da raschelte es im Stachelbeerstrauch. "Oh je", sagte ich zu Hanselmann, "ich habe heute noch gar nicht meine Stachelbeeren gezählt." Und ehe ich noch zählen konnte, kroch Hanselmanns Katze aus dem Gesträuch, im aufgesperrten Maul eine Stachelbeere. Hanselmann erbleichte.

"Was hast du denn", sagte ich zu ihm, "die Gewißheit, daß deine Katze sich ab und zu eine Stachelbeere holt, ist doch kein Problem. Wenn ich nachher die Stachelbeeren zähle, ziehe ich einfach diese eine Stachelbeere ab. Schrecklich ist doch nur der begründete Verdacht, weil er das Zählen so erschwert."

Das leuchtete selbst Hanselmann ein, und seither wiegt er täglich seine Katze.

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