Blasius Plesch

Der Dichter Fridolin Wasserburg
Versuch einer Annäherung an sein Spätwerk

Als im Jahr 1952 der erste Roman des jungen Fridolin Wasserburg erschien, gab der Dichter seinem Werk den Titel 'Würfelwurf', und so wenig der Inhalt des Romans - eine psychologisch einprägsame Studie dreier englischer Würfelspieler in einem deutschen Hotel mit einer Vorliebe für französischen Wein und Brasilzigarren - etwas mit Wasserburgs Spätwerk gemeinsam hat, sosehr doch erinnert der Titel des Romans an die reifen Meisterwerke des Dichters: Die Verdopplung des Eingangskonsonanten, dieses doppelte 'W', finden wir erneut in dem Gedicht vom 'Wendewams'. Auch die 'Rübenrülpsel' und der 'Schwipp-Schwapp' entsprechen diesem Formprinzip. Der Schluß liegt nahe, daß das Spiel mit der Sprache eine der Grundeigenschaften wasserburgschen Wirkens ist.

Das Gedicht 'Die Ringelschneuze' verdeutlicht besonders gut den formalen Gestaltungswillen des Dichters: Das zentrale Problem des darin geschilderten Tieres, eben der Ringelschneuze, ist der Virenbefall im Winter, der das Tier unablässig schneuzen läßt. So ist schon der Name des Tieres Programm, und das Wort 'schneuzen' ist wiederum in hohem Maße onomatopoetisch, lautmalerisch im besten Sinne des Wortes. In einem zischelnden 'Sch' kündigt sich der Niesreiz an, um in dem kräftigen 'z'-Laut seinen verschnupften Höhepunkt zu finden. Bereits im Titel des Gedichtes erhält der Leser somit eine Ahnung von den Problemen der Ringelschneuze. Und folgerichtig sind die Zentralstellen des Gedichtes auf diese Sch-z-Steigerung aufgebaut. Angesichts der Nebelschwaden verzieht sich die Ringelschneuze in den Wald. (Auch gilt es hier zu beachten, daß die Wortwahl 'Dickmilch' bereits auf das 'dicke Ende' für die Ringelschneuze hinweist). Die letzte Strophe des Gedichtes stellt schließlich ein geballtes Trommelfeuer an Zischlauten dar:

Denn wenn Ringelschneuze frieren,
Freuen sich die Schnupfenviren,
Bis die Schneuze dann am Schluß
Den ganzen Winter schneuzen muß.

Das traurige Schicksal der Ringelschneuze wird hier auch auf der formalen Ebene überdeutlich. Zurecht weist WAGENBRENNER in seiner Grundsatzarbeit 'Die Krankheit als Thema der Literatur' darauf hin, daß "gerade der Schnupfen sich als lyrisches Thema eignet, denn das Krankheitsbild ist durch die akustischen Phänomene des Niesens und Hustens gekennzeichnet, die sich bereits als konkrete Poesie verstehen lassen." (1)

Andererseits finden wir in der mittleren der drei Strophen des Ringelschneuze-Gedichtes weder 'Sch' noch 'z'. Hat der Dichter hier die Form vernachlässigt? Es hieße, Fridolin Wasserburg Unrecht tun, diesen Gedanken auch nur ernsthaft zu erwägen! Denn gerade die mittlere Strophe erschließt uns den dialektischen Gesamtaufbau des Gedichtes:

Bereits im Titel wird dem Leser nicht nur das drohende Zischen des Schneuzens nahegebracht, sondern zunächst auf die Eigenschaft des Ringels das Augenmerk gelenkt. Die Zweiteilung des Titels in 'Ringel' und 'Schneuze' durchzieht auch das Gedicht, aber während im Titel beide Begriffe scheinbar zusammenhanglos nebeneinander stehen, bilden sie im Gedicht selbst ein widerstreitendes Spannungsverhältnis. Die erste Strophe, die formal mit einer Sch-z-Steigerung ausgezeichnet ist, führt uns die Kälte als Problem der Ringelschneuze vor Augen. Aber die Ringelschneuze weiß sich zu helfen, denn, sich unter Blättern und Geäst vergrabend, ringelt sie sich zu einem Knäuel. Und weil den bedrohlichen Naturgewalten damit vorerst Einhalt geboten scheint, fehlen in der mittleren Strophe, die uns diesen Sachverhalt näherbringt, auch die bedrohlichen Laute 'Sch' und 'z'.

Die Tragik des Ringelschneuzenschicksals erfahren wir in der dritten und letzten Strophe: Parallel zur Anhäufung von Zischlauten auf der formalen Ebene berichtet der Dichter von der Anfälligkeit der Ringelschneuze für Viren. Das Problem der Kälte, vorgestellt in der ersten Strophe und durch das Ringeln scheinbar behoben in der zweiten, tritt nunmehr auf höherer Ebene erneut auf, wird hervorgehoben und kausal verknüpft durch das Reimpaar 'frieren' und 'Viren', wobei die Folge der Kälte das Frieren ist, die Folge des Frierens wiederum der Virenbefall.

An dieser Stelle drängt sich ein zweiter Formaspekt im Werk Wasserburgs auf: Die Funktion des Reimes. Unübersehbar ist der Wille des Dichters zum Reim, aber auch das kühne Überschreiten traditioneller Reimformen in einigen seiner Gedichte. Dies muß umso mehr verwundern, als die Frühwerke Wasserburgs nicht so sehr meiden wie den Reim. SCHAPLER (2) spricht in diesem Zusammenhang sogar von 'Reimflucht'. Tatsächlich findet sich in der Dudenhöfer Gesamtausgabe der Wasserburgschen Frühwerke nur wenig Lyrik. Romane und Erzählungen sind für den frühen Wasserburg charakteristisch. Die wenigen Gedichte aber sind in freiem Versmaß und reimlos gehalten, wie das folgende Beispiel zeigt:

- Ohne Titel -

Heute früh
Oh wechselwarme Zeiten
Schüttelt die Birke
Genießend
Im Winde ihr Haupt
Uns aber ist
Keine Ruhe
Vergönnt im Bette
Warten wir ängstlich
Auf
Den Hahnenschrei vielleicht
Auch auf besseres Wetter.

Welch ein Unterschied zum Alterswerk des Dichters! Der Reim hält Einzug in sein Schaffen, aber zugleich wird der Reim auch über die Stufe formalen Selbstzwecks, wie er dem breiten Publikum oft erscheinen mag, hinausgehoben. Gegen das konvervative Vorurteil, Gedicht sei nur, was sich reime, setzt Wasserburg Reimformen, die sich gegen Lesegewohnheiten sträuben: In den 'Wohlanständigen Moritaten' finden wir im Gedicht 'Sparsamkeit' die Zeilen:

Dem geht es wie dem Vater.
Aus allen Töpfchen tat er

Ein solcher Reim liest sich nicht glatt, er fordert Widerspruch heraus. Und Wasserburg steigert dieses Verfahren bis hin zu den Stolperreimen im Gedicht vom Wendewams:

Eiskalt friert es am Polar,
Brütend heiß ist die Sahar-
awüste...

Darum läßt sich sagen, daß Wasserburg zwar den Willen zum Reim besitzt, aber er ironisiert darin zugleich gängige Reimklischees. Die ironische Distanz in den Inhalten findet hierin am deutlichsten ihre formale Entsprechung.

Diese ironische Distanz im Inhaltlichen sei nun beispielhaft untersucht:

Der erste Schnee

Vater, Mutter, Kind und Flunder
Schauen still des Winters Wunder.

Was der Flunder sehr mißfällt,
Daß der Schnee kein Salz enthält.

Unsre Flunder freut sich heut,
Denn ab heut wird Salz gestreut.

Welche inhaltliche Intention steht hinter diesem Gedicht? Ein Gedicht über die kalte Jahreszeit des Winters - sicherlich, aber von ungewöhnlicher Warte aus betrachtet, denn was hat eine Flunder im Winter auf dem Festland zu suchen? Doch des Dichters Augen sehen anders. Als gäbe es nicht Selbstverständlicheres, beginnt er sein Gedicht mit einer Aufzählung der beteiligten Personen: Vater, Mutter, Kind und Flunder. Schon diese Aufzählung macht deutlich, daß das Gedicht ein grundlegendes Problem zu behandeln beabsichtigt, denn die beteiligten Personen werden nicht namentlich vorgestellt, es handelt sich offenkundig um idealtypische Figuren. Einzig ihre verwandtschaftliche Beziehung wird hervorgehoben. Vater, Mutter und Kind bilden eine Familie. Und die Flunder? Der Gedanke liegt nahe, auch sie ist in des Dichters Augen ein Familienmitglied, vielleicht ein liebgewordenes Haustier.

Aber so sehr die Flunder zur Familie gehört, so sehr hat sie doch ihre eigenen Probleme, denn ihre Herkunft liegt im salzhaltigen Meerwasser. Zunächst jedoch ist die Familie in trauter Eintracht versammelt, läßt sich vom Eindruck des ersten Schneefalls gefangennehmen:

Vater, Mutter, Kind und Flunder
Schauen still des Winters Wunder.

Doch dann macht sich die Herkunft der Flunder bemerkbar: Der Schnee entspricht nicht ihrer gewohnten Lebensweise; er ist kristallgewordenes Wasser, aber das vertraute Salz fehlt:

Was der Flunder sehr mißfällt,
Daß der Schnee kein Salz enthält.

Die Situation scheint ausweglos: Zwar gehört die Flunder zur Familie, und dies wird nochmals deutlich hervorgehoben, wenn die dritte Strophe mit 'unsre Flunder' beginnt, aber nach anfänglichem Wundern mißfällt der Flunder der Schnee. Dann aber wendet sich alles zum Guten, denn die Menschen erwählen sich nicht nur eine Flunder zum Haustier, sie streuen auch Salz:

Unsre Flunder freut sich heut,
Denn ab heut wird Salz gestreut.

Besondere Beachtung verdient an dieser Stelle die Steigerung des Reimes, um der Freude der Flunder Nachdruck zu verleihen: Als Binnenreim wird das Ereignis schon innerhalb der letzten beiden Verszeilen vorbereitet:

freut - heut
heut - gestreut

Zugleich jedoch begibt sich der Dichter mit dieser Schlußstrophe in die Niederungen des Alltags. Wurde in der ersten Strophe der Schneefall als Wunder still bestaunt, um in der zweiten Strophe auf die Probleme eines wenig alltäglichen Tieres hinzuweisen, so erfahren wir in der dritten Strophe, daß der alltägliche Vorgang des Salzstreuens die Flunder erfreut.

Kehren wir an dieser Stelle zur eingangs gestellten Frage zurück: Was hat eine Flunder im Winter auf dem Festland zu suchen? Was will der Dichter damit sagen? Der Dichter unterstellt zunächst, die Flunder sei ein Haustier wie Katze und Hund (geradeso wie er auch den Bücherwurm im gleichnamigen Gedicht mit Katze und Hund vergleicht!), und indem er die beteiligten Personen nicht namentlich vorstellt, sondern nur verwandtschaftlich charakterisiert, wird das Gedicht zu einer allgemeingültigen Abhandlung über die Flunder als Haustier. Nur vor diesem Hintergrund macht es Sinn, das winterliche Salzstreuen als erfreuliches Ereignis zu feiern. Aber realistisch gesehen ist die Flunder, wie jeder weiß, kein Haustier; wie ebenfalls bekannt ist, daß das Salzstreuen für Gras und Bäume alles andere als erfreulich ist. Damit erhält das Gedicht 'Der erste Schnee' noch eine tiefere Dimension: Der sorgsame Umgang mit der Natur verbietet es, sowohl das Festland zu versalzen, als auch eine Flunder als Haustier zu halten! Indem Wasserburg darlegt, daß nur die absurde Idee von der Flunder als Haustier dem Salzstreuen eine erfreuliche Seite abgewinnen kann, macht er zugleich auf den alltäglichen Mißbrauch des winterlichen Salzstreuens aufmerksam.

War Fridolin Wasserburg also ein politischer Dichter, ein Vorreiter ökologischen Denkens? In Bezug auf Wasserburgs Frühwerk war und ist diese Frage Gegenstand lebhafter Debatten.(3) Über Wasserburgs Alters- und Hauptwerk läßt sich zumindest mit Bestimmtheit sagen: Wasserburg war ein Mensch von großer Naturverbundenheit. Nicht nur, daß er die Jahre seines Verborgenseins in eine alten Mühle lebte und - wie Verwandte berichten - sein Brot selbst buk, er war es auch, der in Feld und Flur Tiere entdeckte, die bislang kein Biologiebuch verzeichnet.

Dabei könnte es den Anschein haben, Wasserburg sei aufgrund seines phantasievollen Umgangs mit der Natur und ihren Geschöpfen mit der Wissenschaft auf Kriegsfuß gestanden. Den 'Faltenbauch' stellt er uns vor als ein Tier, das

... in unsre Theorie

Vom Entstehen neuer Arten
Schwerlich einzufügen ist,
Denn er lebt vom silberzarten
Lichte, das der Mond ergießt.

Doch fällt auf, daß ein Dichter, der solchermaßen schreibt, zweifelsohne sich mit den Grundzügen der Evolutionstheorie beschäftigt haben muß. Auch in anderen Arbeiten (besonders in den Erzählungen 'Über hochalpine Meeresbiologie' und 'Das Ulmer Münster') wird deutlich, daß erst gewissenhaftes Studium des Wissenschaftsbetriebes jene ironische Distanz ermöglicht, die Wasserburg zu eigen ist. Deshalb sei hier die These ausgesprochen: Fridolin Wasserburg war kein Gegner der Wissenschaft, wohl aber ein kritischer Beobachter ihrer Fehltritte und Eitelkeiten.

Es ist anzunehmen, daß diese Denkweise typisch für Wasserburg ist. Er war kein Gegner der Literatur, aber er zog sich aus dem geschäftigen Rummel des Literaturbetriebes zurück, um ungestört seine Form des Dichtens zu betreiben. Er war kein Gegner der Wissenschaft, aber er sah die Menschen und die Natur aus dem Blickwinkel ironischer Distanz. Diese Distanz, die Wasserburg auch in seinem täglichen Leben, in seiner Zurückgezogenheit praktizierte, hebt sein Alters- und Hauptwerk über das Gezänk des Literatur- und Gesellschaftsbetriebes hinaus. Es ist bezeichnend, daß Fridolin Wasserburg auf die Frage, welches denn seine Lieblingsfigur in der Literatur sei, geantwortet haben soll: "Der Kater Hiddigeigei(4) und sein Lied:

Menschenthun ist ein Verkehrtes,
Menschenthun ist Ach und Krach;
Im Bewußtsein seines Werthes
Sitzt der Kater auf dem Dach!"


  1. Wagenbrenner, Bernhard: Die Krankheit als Thema der Literatur; München (Diss.) 1974; S.248 [Zurück]
  2. Schapler, Erwin: Reim oder Nichtreim, das ist hier die Frage - Ein Studie zur Reimtypologie von der Romantik bis zur Jetztzeit; in: Literaturpostille, 7/1965; S.17ff [Zurück]
  3. Vgl. dazu insbesondere: Hugendörfer, Klaus: Die politische Relevanz psychosozialer Konfliktdramaturgie in den Romanen Fridolin Wasserburgs; Wuseln 1971 [Zurück]
  4. 'Lieder des Katers Hiddigeigei'; in: Joseph Victor Scheffel: Der Trompeter von Säkkingen; Stuttgart 1868 [Zurück]


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