Über hochalpine Meeresbiologie

"Warum in die Ferne schweifen, sieh' das Gute liegt so nah!" heißt das Sprichwort. Doch es ist das Schicksal der Sprichwörter, daß sie oft mißverstanden werden. So heißt es etwa auch, viele Köche verdürben den Brei, was zweifelsohne richtig ist, aber wer daraus schlußfolgert, ein einzelner Koch brächte auch das bessere Rumpsteak und die wohlschmeckendere Sachertorte zustande als deren viele, der hat das Sprichwort nicht gründlich gelesen, denn dort ist nur vom Brei die Rede. Und so verhält es sich auch mit dem In-die-Ferne-Schweifen, weil zwar das Gute nah liegt, aber was ist mit dem Wahren, dem Schönen oder gar dem Unbekannten?

Wer einmal durch eine Gemäldegalerie ging, der weiß, wie wichtig es ist, ein Bild aus gebührendem Abstand zu betrachten. Mit der Nase auf der Leinwand läßt sich kein umfassender Eindruck gewinnen. Doch so sehr der Künstler dies weiß, so wenig hat die Wissenschaft bislang davon Kenntnis genommen. Nehmen wir zum Beispiel die Meeresbiologen: Tagein, tagaus hocken sie am Meer, wechseln vom Kaspischen zum Roten Meer, fahren auch hinaus in die Fluten, aber nie treten sie zurück, um mit gebührendem Abstand ihre Detailkenntnisse zu überprüfen. Es ist bezeichnend, daß es bislang weder im Kaukasus noch im Himalaja und auch nicht in den Alpen ein meeresbiologisches Institut gab.

Es ließe sich nun einwenden, in diesen Gebirgen gäbe es schließlich auch kein Meer. Das ist richtig, aber es ist naiv. Wie soll ein Forscher die Geheimnisse des Meeres ergründen, wenn er nicht weiß, wie die Welt ohne Meer aussieht? Auch die Vorzüge eines legefrischen Frühstückseies sind nur für den erfaßbar, der schon abgelagerte Eier des Morgens aufschlug.

Aus diesem Grund wurde jüngst das Institut für hochalpine Meeresbiologie gegründet. Die Zugspitzplattform bietet fünf Wissenschaftlern einen ausreichend meerfernen Arbeitsplatz, und auch die ersten Ergebnisse sind schon zu verzeichnen. So wurde in den ersten Monaten seines Bestehens am Institut kein einziger Fisch registriert. Das liest sich einfach, und mancher Leser mag sich denken, diese Erkenntnis sei trivial. Doch wie gewissenhaft sind die Forscher vorgegangen, um zu dieser Aussage über die Fische schlechthin zu gelangen: Zunächst wurden alle bislang bekannten Meeresfische in einer langen Tabelle aufgelistet. Dem Alphabet entsprechend rangiert an erster Stelle der Aal. Auch Kabeljau und Hering finden ihren Platz. Der Schwertfisch wurde gesondert aufgeführt, weil es immerhin hätte sein können, daß zwar nicht der Fisch als solcher, aber vielleicht ein Schwert ohne Fisch sich findet, was Anlaß zur gewissenhaften Suche nach dem Fisch ohne Schwert wäre. Selbst der seltene Quastenflossner, der den Biologen den Übergang zu den Amphibien markiert, wurde in der Liste verzeichnet.

Dann begann die harte Alltagsarbeit der Meeresbiologen. Der Zugspitzgletscher, in überlappende Planquadrate aufgeteilt, wurde täglich systematisch nach möglichen Fischvorkommen abgesucht; und erst die Summe aller nach den Arten aufgeschlüsselten Negativresultate erbrachte die klare Erkenntnis, daß die Alpen - vom Fischbestand her gesehen - sich grundlegend vom Mittelmeer und der Nordsee unterscheiden.

Damit nicht genug: Das grundlegend Unterscheidende wurde darüber hinaus systematisch differenziert. Der Thunfisch beispielsweise kommt im Mittelmeer häufig, in der Nordsee kaum vor. In den Alpen ist er nicht zu finden. Wenn geographisch gesehen die Alpen dem Mittelmeer näher liegen als die Nordsee, so ist es auf den Thunfisch bezogen gerade gegenteilig.

Nach diesen ersten Ergebnissen liegt jedoch die größte Arbeit noch vor den Meeresbiologen auf der Zugspitzplattform. Denn ein erwiesenes Nichtvorkommen von Fischen ist die ideale Voraussetzung für präzise und geeichte Tabellen über den Fischreichtum der Erde insgesamt. Daß es im Mittelmeer mehr Thunfisch gibt als in der Nordsee, ist solange eine relative Aussage, wie es nicht gelingt, einen Bezugs- und Nullpunkt für die Messung der Fischhäufigkeit zu finden. Die Zugspitze mit ihrem Nichtvorkommen von Fischen bietet hier für alle Fischarten insgesamt eine ideale Voraussetzung.

Vor allem aber ist das Institut für hochalpine Meeresbiologie ein eindruckvolles Beispiel für die kühnen Wege des Forschens und Erkennens, derer sich die moderne Wisenschaft heutzutage bedient. Die Forscher sind bereit, alles zurückzulassen, um in die Ferne zu schweifen. Sie erklimmen schwindelnde Höhen, wenn es gilt, das Unbekannte zu ergründen.

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