Das Ulmer Münster

Vom Kölner Dom unterscheidet sich das Ulmer Münster durch die Tatsache, daß es kein Dom, sondern ein Münster ist. Vor allen anderen Münstern aber hat es den Vorzug, in Ulm zu stehen. Das muß auch so sein, denn stünde es etwa in Hamburg, so wäre es nicht das Ulmer Münster.

Während dieser Gedankengang sich auch auf andere Kirchen anwenden läßt, was ihm eine gewisse Allgemeingültigkeit verleiht, besticht das Ulmer Münster zusätzlich durch die Tatsache, daß es den höchsten Kirchturm der Welt besitzt. Er ist genau 161,4 Meter hoch. Doch wirft dieser Umstand auch bedeutsame Fragen auf: Warum eine so krumme Zahl? und: Warum gerade das Ulmer Münster?

Der Philosoph Isidor Rabulus ist als erster der Frage nach der krummen Zahl nachgegangen und kam auf eine verblüffende Antwort: Zählt man die vier Ziffern (zweimal die 1, die 6 und die 4) zusammen, so ergibt sich die Zahl zwölf, und da es sich um eine Kirche handelt, deutete Rabulus dies als Hinweis auf die zwölf Apostel. Solchermaßen fündig geworden, vermaß er auch die Länge und Breite des Münsters genau, fand aber wenige Resultate, die befriedigen. Wohl konnte er im durchschnittlichen Verhältnis der Länge zum Volumen der Steinquader die Zahl 6,84 ermitteln, die er als versuchte Darstellung der heiligen Zahl 7 interpretierte, doch als er zu guter letzt sein eigenes Geburtsdatum zur Höhe des Glockengestühls addierte, um einen Hinweis auf das Alter Abrahams zu finden, hatte er sich entgültig als Wissenschaftler disqualifiziert.

Es dauerte einige Jahrzehnte, bis sich erneut ein Wissenschaftler der Frage nach der Höhe des Ulmer Münsters stellte. Es war der zu Unrecht vergessene pragmatische Sozialwissenschaftler Enrico Palermo. Aus Rom gebürtig, war er von Kindesbeinen an mit großen Kirchen vertraut, und in seiner Grundsatzarbeit 'Vom der Nützlichkeit des Unverstandenen', schrieb er:

"Ein Turm ist hoch, weil er eine gewisse Höhe besitzt. Je höher der Turm ist, desto weiter ist seine Spitze vom Boden entfernt. Daran ist nichts Geheimnisvolles. Aber warum ist das Ulmer Münster 161,4 Meter hoch? Die Antwort ist einfach: Jede Höhe stellt uns die Frage nach dem Warum, und diese Frage treibt den menschlichen Geist voran, läßt ihn forschen und suchen und - wenn auch oft auf Umwegen - Neues entdecken. Je unverständlicher eine Höhenangabe ist, desto mehr fördert sie den kritischen Verstand. Das Ulmer Münster ist - unverstehbar, aber erklärlich - 161,4 Meter hoch, weil diese krumme Zahl für die Erkenntnis nützlich ist."

François Philippe, ein Historiker von Rang, war es damit nicht zufrieden. Er forderte, das Erklärliche müsse auch verstehbar sein, sonst tauge das Ulmer Münster zu nichts. Ihm verdanken wir den Hinweis, daß die Erbauer des Münsters zweifelsohne nicht in Metern, sondern in Ellen und Klaftern gerechnet hätten. In alten Folianten suchte er zu ergründen, ob die Rechnung in alten Maßen die Höhe des Ulmer Münsters in einem weniger krummen Licht erscheinen ließen. Doch er starb, bevor seine Arbeit vollendet war, und in späterer Zeit fand sich niemand mehr, der die mühevolle Arbeit Philippes fortzuführen gewesen wäre.

Von da an versank die Münsterforschung ins Triviale, denn die Politiker nahmen sich ihrer an. Die Regierungspartei erklärte, sie hätte schon immer das Ulmer Münster für höher geschätzt, als es sei; die Opposition versprach, im Falle ihres Wahlsieges eine Rundfunkantenne auf dem Kirchturm zu errichten, damit er endlich seine wahre Größe erhalte.

Dabei unterscheidet sich das Ulmer Münster vom Kölner Dom einzig durch die Tatsache, daß es ein Münster ist; und von anderen Münstern dadurch, daß es in Ulm steht, sowie von allen seinen Interpreten durch die Worte des Münsterbaumeisters: "Unsere Vorfahren haben untern zu bauen angefangen, und als oben der letzte Stein saß, war das Münster vollendet."

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