Trompetensolo

Mein Nachbar Hanselmann saß wieder einmal im Geäst seines Apfelbaumes, um die Polstermöbel in der guten Stube zu schonen. Und natürlich mußte er über den Gartenzaun hinweg ein Gespräch anfangen:

"So etwas Verrücktes habe ich noch nicht gesehen," sagte er: "Jeden Abend sitzen sie zwischen den Bohnenstangen und spielen Trompete."

Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. "Sie", sagte ich zu meinem Nachbarn Hanselmann, "haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, denn dies ist keine Trompete, sondern eine Posaune. Aber was versteht schon einer, der auf dem Apfelbaum sitzt, um die Polstermöbel zu schonen, von Musik?!"

Hanselmann war erbost. Wenn er die Polstermöbel schonen wolle, könne er auch auf den Kühlschrank sitzen, sagte er, aber es erschrecke ihn jedesmal, wenn der Kühlschrankmotor zu laufen beginne. Deshalb sitze er auf dem Apfelbaum, weil der keinen Motor habe.

Nun hat Hanselmanns Apfelbaum tatsächlich keinen Motor, und weil Hanselmann also ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hatte, erwiderte ich nichts und wandte mich meinem Instrument zu. Ich blies hingebungsvoll einen Operettenquerschnitt: Einen Ton aus der Lustigen Witwe, einen aus dem Weißen Rössl und mehrere Quinten aus dem Land des Lächelns.

"Das ist ja schrecklich!" rief Hanselmann, der von Musik schon in der Schule keine Ahnung hatte. Den Musiklehrer hat er mit der Frage schockiert, ob Mozart verliebt gewesen sei, als er die Erotica geschrieben habe. Als ob nicht jeder halbwegs Gebildete wüßte, daß diese Oper von Beethoven ist.

"Hanselmann", sagte ich deshalb, "ich will ihnen das erklären: Die Wissenschaft hat herausgefunden, daß Kühe mehr Milch geben, wenn sie Musik hören, und nun will ich herausfinden, ob Bohnen bei Operettenmelodien besser wachsen."

"So ein Blödsinn", sagte Hanselmann, "Trompetentöne fördern nicht das Wachstum. Die Trompeten von Jericho haben Mauern einstürzen lassen; passen sie also auf, daß ihnen die Bohnenstangen nicht auf den Kopf fallen."

Das war typisch Hanselmann. Dies sei keine Trompete, sondern eine Posaune, sagte ich. Doch Hanselmann gab sich nicht geschlagen: Ob es ausgerechnet Operettenmelodien sein müßten; ich solle besser den Rosen Karl May vorlesen. Aber das sagte er sicher nur, weil mein Rosenstrauch hinter dem Haus liegt, weit weg von Hanselmanns Apfelbaum.

Das wäre alles nicht erwähnenswert, wenn ich nicht am nächsten Tag Hanselmann auf dem Apfelbaum dabei ertappt hätte, wie er den Äpfeln aus einem Fachbuch für Polstermöbel vorlas. Er war gerade bei den Richtlinien für Schaumstoffpolster angelangt, als ich ihn unterbrach:

"Hanselmann", sagte ich, "nimm es mir nicht übel, aber ich habe heute nachgesehen: Mein Instrument ist doch eine Trompete."

"Das ist gut", sagte Hanselmann und klappte sein Buch zu, "denn auf meinem Kühlschrank kann man gar nicht sitzen, der ist in den Küchenschrank eingebaut."

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