Vorwort des Herausgebers

Nur selten ist es dem forschenden Geiste vergönnt, versunkene Schätze zu heben. Wie hoch muß das Herz von Benedikt Speck geschlagen haben, als er in einer Klosterbibliothek das Rezept für jenes Pfannengericht zutage förderte, das wir noch heute nach seinem Entdecker Speckpfannenkuchen nennen. Dieser Fund hat nicht nur die Kochkultur revolutioniert, sondern auch tief prägend auf die Sprache gewirkt: Seither wird ein bedeutsames Ereignis als spe(c)ktakulär bezeichnet. Und nur an einem solchen Ereignis lassen sich die Gefühle des Herausgebers ermessen, als er eines trüben Wintertages im Jahr 1983 dem verschollenen Alterswerk Fridolin Wasserburgs auf die Spur gekommen war und nach manchem Hindernis den staubbedeckten Oktavband in Händen hielt, den sein Autor höchstselbst mit zierlicher Schrift betitelt hatte:

Die Ringelschneuze
und andere Raritäten
des täglichen Lebens

Es war wie so oft in dererlei Fällen eine glückliche Fügung des Schicksals, ein unergründliches Walten der Göttin Fortuna, das den Herausgeber diesem seinem langgehegten Traum näherbrachte: Ein sonntäglicher Herbstspaziergang brachte den Stein ins Rollen. Der Zufall wollte es, daß der Herausgeber in einer nahegelegenen Schrebergartenanlage auf einen älteren Mann stieß, der seinem Ärger über den herbstlichen Nebel in ungewöhlichen Worten Luft machte: "Da werden die Ringelschneuzen aber sauer sein", sagte er, und auf Befragen seitens des Herausgebers erklärte er diese Redewendung als in seiner Familie seit Jahren tradiert, zurückzuführen auf einen entfernten Onkel, der für den Hausgebrauch heitere Gedichte und Geschichten nebst Zeichnungen verfertigt habe. Unlängst verstorben sei er allen Verwandten als liebenswerter Sonderling in guter Erinnerung. Auch sei er in früheren Jahren einmal ein hochgeschätzter Dichter gewesen, habe sich dann aber aus dem Literaturbetrieb in die Einsamkeit einer alten Mühle zurückgezogen.

Wer, mit dem Frühwerk des wunderlichen Dichters Fridolin Wasserburg vertraut, würde nicht sofort den Gedanken hegen, nur der sich lange verborgen haltende Poet könne damit gemeint sein. Die Fährte war gefunden, allein es bedurfte großer Beharrlichkeit, um zu guter letzt in den glücklichen Besitz des Wasserburgschen Alters- und Hauptwerkes zu gelangen.

Wie das Schicksal spielt, war es in letzter Minute, als der Herausgeber den unscheinbaren Oktavband vor dem unwiderruflichen Versinken in einer Mülltonne rettete. Denn eine ältere Dame, auf die die schriftlichen Hinterlassenschaften Fridolin Wasserburgs gekommen waren, wollte sich ihrer entledigen, weil, wie sie sagte, von diesem Geschreibsel ein unangenehmer Geruch von verschüttetem Rotwein und kaltem Zigarrenrauch ausgehe. Nun ist bereits vom jungen Fridolin Wasserburg bekannt, daß er dem Wein nicht abgeneigt und ein Verehrer schwarzer Zigarren war. Es wird sogar berichtet, er habe bei der Entgegennahme des Literaturpreises der Stadt Hämmern an der Starzel den Bürgermeister in eine solche Rauchfahne gehüllt, daß die Preisverleihung wegen eines bürgermeisterlichen Hustenanfalls unterbrochen werden mußte. Wen sollte es da wundern, daß auch das Alterswerk Fridolin Wasserburgs mit diesen Attributen literarischen Schaffens gezeichnet ist. Im Wein liegt Wahrheit, und der Rauch beflügelt die Fantasie, war einer seiner Lieblingssätze.

Die ältere Dame ließ sich überreden, dem Herausgeber das verschnürte Bündel mit Wasserburgs literarischem Nachlaß auszuhändigen. Ja sie war froh, das 'Stinkzeug' - wie sie es respektlos titulierte - endlich los zu sein. Zuhause angekommen löster der Herausgeber die Schnur, und zutage traten jene Gedichte, Geschichten und Zeichnungen, trat das Alterswerk des wunderlichen Dichters Fridolin Wasserburg, das der Herausgeber hiermit dem interessierten Publikum zugänglich macht.

Wieviel helles Licht wirft dieses Alterswerk auf die zahllosen Rätsel um die frühen Arbeiten Wasserburgs, vor allem aber auf den bislang unergründlichen Rückzug des Dichters aus der Öffentlichkeit: Vierzigjährig und auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt - die Dudenhöfer Gesamtausgabe seines Werkes stand gerade vor dem Abschluß - war Fridolin Wasserburg fast über Nacht wie vom Erdboden verschwunden. Selbst sein Verleger, zu dem er ein herzliches Verhältnis pflegte, wußte nichts über seinen Aufenthalt. Sorge griff in der literarischen Welt um sich, es könne dem verehrten Dichter ein Unheil widerfahren sein. Und nur um diese Sogen zu zerstreuen, trat Wasserburg noch einmal mit einem kurzen Brief an die Öffentlichkeit. Er sei des Ruhmes leid, ließ er verlauten und fügte hinzu, daß hierzulande gerade die großmäuligsten Literaturkritiker nicht mehr von Literatur verstünden als der Fuchs von der Hühnerhaltung. Danach blieb Fridolin Wasserburg für über zehn Jahre verschwunden, doch welches Werk entstand in jener Zeit!

Es war das Bemühen des Herausgebers, eine sorgfältig edierte Ausgabe des Wasserburgschen Alterswerkes vorzulegen und im Anhang dieses Buches den Versuch zu wagen, einige literarische Aspekte dieses Alterswerkes zu untersuchen. Der Herausgeber schuldet dem Verleger Dank, dessen großes Verständnis es erst ermöglichte, an eine wohlfeile Ausgabe des Wasserburgschen Alterswerkes zu denken. Möge der vorliegende Band der Erbauung vieler dienen und unser Verständnis vom Leben und Wirken des wunderlichen Dichters Fridolin Wasserburg vertiefen, so wie es der junge Wasserburg einmal selbst gesagt haben soll: "Es ist die Berufung des Dichters, aus Worten Weisheit zu schmieden."

Prof. Dr. Blasius Plesch

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede kommerzielle Nutzung der Texte und Bilder ist untersagt.